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STUMME ERZÄHLER

Von Hannelore Pannek.

Rob van Huesken steht vor seiner Staffelei und betrachtet das Bild. „Das ist also das Ergebnis der Nachtstunden bei Licht“ stellt er sachlich fest und seine Worte verhallen im Atelier. Das ist groß und durch die Fensterfront strömt die Sonne ungehindert herein. Sie verbreitet eine Helligkeit, die ein wenig in den Augen schmerzt und die Umgebung schonungslos zeigt. Auf dem Tisch führen Pinsel und Palette, Tuben, Farben und Flaschen, Tücher und Farbstifte ein breites Dasein. Das Bett an der Längswand ist zerwühlt, halb geleerte Kaffeebecher stehen herum und die Restflüssigkeiten in ihnen konkurrieren miteinander. Kleidungsstücke liegen achtlos hingeworfen auf den Stühlen, leere Pizzaschachteln türmen sich in einer Ecke – nur unter dem Wandregal stehen die Schuhe pedantisch geordnet nebeneinander. Ein Hauch von Boheme ist da; doch sonst nur eine Männerwirtschaft, die reduziert auf das Notwendige und konzentriert auf das Wesentliche ausgerichtet ist. Rob van Huesken kneift die Augen zusammen so wie er es immer macht, wenn eine kühle Skepsis für eine Beurteilung angebracht ist. „Das Bild ist eine bunte Komposition“ stellt er für sich fest. „Figurative Elemente fehlen und die ungegenständlichen Formen sind verschwommen, zeigen einen Wechsel von Hell und Dunkel, klaren Farben und Mischungen. Das erzeugt Spannung und ist vielseitig auslegbar; das lässt der Fantasie freien Raum. So kann ein Bild erzählen und dem Betrachter öffnet sich die Tür in eine andere Welt!“ Nachdenklich setzt Rob die Kaffeemaschine in Gang und überlegt laut: will ich das denn? Soll ein Betrachter erkennen, dass ich meine Gefühlswelt einbezogen habe; dass meine starken Empfindungen offen liegen? Rob kehrt mit dem vollen Kaffeebecher in der Hand zur Staffelei zurück. Sein Blick erfasst den breitflächigen blauschwarzen Fleck oben rechts, der die Familientrauer symbolisiert, die sich durch die Generationen zieht und von der Ur-Urgroßmutter, über Großmutter und Mutter bis hin zum Kind anhält. Diese Trauer, denkt Rob, ist ein Phänomen: kommend und gehend wie Sonne und Mond, lauernd und wachsam wie ein wilder Tiger, träumend und ruhend wie der Wind in lauen Sommerabenden, um dann zum Sprung anzusetzen und quälende Stunden anzuhalten, ganze Lebendabschnitte vergällend — Und dann vergeht sie, wiegt in Sicherheit – aber ist immer da! Und diese Trauerattacken werden plötzlich ausgelöst, sind unvorhersehbar, vielschichtig und vielseitig . . . mal ist es der Blick in den Garten, ein Brief, der Emotionen weckt oder ein leichter Ritz mit dem Messer . . . Warum das so ist, das bleibt unklar. Die Trauer ist zwar inzwischen gemildert durch Hilfen bei der Verarbeitung, aber sie ist noch immer da – bis heute und darum hier farblich durch braungrüne, himmelblaue und rosarote senkrecht angeordnete Flecke gemildert. „Und sie endet bei mir in Purpurrot, massiv und unübersehbar“ sagt Rob laut in den Raum hinein. „Rot ist die Farbe des Blutes, des Lebens, der Euphorie und in diesem Rot-Ton habe ich die Trauer ertränkt und in einem hoffnungsvollen Sonnengelb auslaufen lassen als pure Lust am Dasein mit seinen tausendfachen Gegebenheiten und Wundern! Auf Flügeln hat sie sich davongemacht, stieg auf in die Nacht und verschwand in der Unendlichkeit!“ Nach diesem Gedankenmarathon spürt Rob, wie sich Erleichterung in ihm ausbreitet; aber er fühlt auch eine gewisse Leere, die wiederum von einer Spur Stolz über sein Werk verdrängt wird. Dann greift Rob nach dem Pinsel, taucht ihn in den weißen Farbtopf und zieht durch die farbigen Teilbereiche einen Strich von oben nach unten – schmal, gleichmäßig, ohne Absatz und der Strich endet in einer tropfenförmigen Verdickung. Es ist die Träne der Trauer . . .

Bildquelle: (c) DA

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