Novelle

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Realweltliches Defizit

Von Claire Walka.

„Sehen Sie denn nicht, dass Sie sich im Kreis drehen?“ fragt er.

Recht hat er. Ich drehe mich im Kreis.

Doch die immergleiche, wiederkehrende Bewegung versetzt mich in Trance. Ich fühle mich berauscht. Ich überschreite Grenzen und halte mich doch an die Regeln. Ohne Regeln keine Grenzen. Keine Steigerung. Das alles ist wie geschaffen für mich!

Ein Strudel, ein Kreislauf, ein mehr als freiwilliges Auf- und Ableben. Ein Ziel, dass seine Bedeutung nie verliert. Es bleibt dasselbe, auch wenn es variiert. Man erreicht es, um es zu überwinden, nicht, um anzukommen. Es existiert, weil es den Widerstand rechtfertigt. Den Widerstand als Antrieb.

Endorphine mischen sich mit Adrenalin. Das ist meine Vorstellung von Glück. Ich kann es einatmen. Ich kann es einholen, ich überhole es. Renne mit ihm um die Wette. Sehe es an. Wir sind eins. Machen Sprünge. Verdrehen uns. Lassen uns fallen, stehen auf, kehren um, schwimmen, stolpern, kämpfen, verlieren, sterben. Und machen einfach weiter.

Wahrnehmung ohne Zeitbegriff. Unbegrenzte Möglichkeiten. Absolution. Ekstase. Tachykardie.

„Nein!“ Er unterbricht mich, widerspricht mir, will mich wachrütteln, mir die Augen öffnen, mir bewusst machen, dass mein Leben im Arsch ist. Und dass all das, was ich erlebe und empfinde, wenn ich voll und ganz bei mir bin, nicht wirklich, nicht echt ist. Weil ich mich nur in konstruierten Räumen bewege.

In Fiktionen. Spielräumen. Illusionen.

Weil dieses Etwas für ihn nicht greifbar ist, scheitere ich. An der Realität und damit am ganzen Leben. Was ich in dieser Parallelwelt empfinde, was ich überwinde, spielt keine Rolle. Es bleibt dabei, dass mein Glücksempfinden nicht echt sondern nur eine Ersatzbefriedigung ist. Und meine Erfolge nur Scheinerfolge.

„Nicht mal ihr Gegner ist real! Er ist nicht aus Fleisch und Blut. Existiert nicht leibhaftig. Nicht so wie Sie und ich.“

Er vereint uns beide in einem Satz. Haben wir doch etwas gemeinsam?

Aber mein Fleisch und Blut schweigt. Stattdessen lasse ich meinen Geist antworten. Gedankenblitze. Feuerschwerter. Mein Gegenüber zeigt keine Reaktion. Ich schicke eine gigantische Leuchtkugel hinterher, und hoffe, dass zumindest ein Summen davon ankommt. Sehe ein Zucken in seinem Gesicht. War das echt?
Er räuspert sich und fragt, ob ich mir bewusst bin, dass ich hier, in der Wirklichkeit, nur ein Leben habe. Und ich nicht merke, wie es bergab geht mit mir.

„Es gibt keine nächste Runde, verstehen Sie?“

Ich blicke ihn schweigend an. Sein vordergründig fester Blick zeigt die typische Müdigkeit eines Menschen, der es allzu genau nimmt. Mit dem Machbaren und dem Unmöglichen. Weil er unbedingt alles richtig machen will.

Er beobachtet, analysiert und vermisst die Welt. Sogar die Unsichtbare. Denn er hat sein Leben der Gesundheit verschrieben. Dem lebensfähigen Menschen. Er will seinem Ideal selbst so nahe wie möglich kommen. Und versucht sie zu zähmen, diese Angst vor dem Wahnsinn. Doch um so mehr krallt sie sich in ihm fest. Und er sich an seiner einzigen Wahrheit. Der Realität. Sein Fahrplan: Die eigene Wahrnehmung immer so allgemeingültig wie möglich deuten. Nur so gelingt es, nicht aufzufallen.

„Alles was Spaß macht, ist nicht real!“, sage ich ihm.

„In Ihrem Leben! Ändern Sie was dran! Das echte Leben ist so voller Freude und Abenteuer.“

Aber er sieht nicht so aus, als wenn er schon welche erlebt hat. Gerade schaut er unauffällig auf seine Uhr und atmet tief durch.

Wenn ich weg bin, wird er nach seinem Flachmann greifen und sich wünschen, nur einen Moment so zu sein wie ich. Einfach nur, um zu vergessen.

Um mich zu vergessen.

Um zu vergessen, wie lange er mich noch ertragen muss.

Bildquelle: (c) DA

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