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RETURN OF THE GESELLSCHAFTLICH AKZEPTIERTER RECHTSPOPULISMUS

Von Konstantin Hitscher.

Währenddessen, Zentrale irgendeiner linken Partei:

Mehrere Männer und Frauen in Anzug sitzen um einen Konferenztisch. Hilflos glucksen sie sich an und haben starken Achselschweiß. Augenkontakt wird von allen vermieden, aus Scham ist das Licht ausgeschaltet.

„Die Leute lieben ihn …“ – „… aber wer hätte auch damit rechnen können, dass sie wirklich einen annehmbaren Kandidaten finden …“ – „Logischerweise sind unsere Umfragewerte im Keller …“ – „… man kennt ihn aus dem Fernsehen.“ – „… und dass wir selbst jemanden Charismatisches finden, ist komplett undenkbar.“ – „ … vielleicht lässt sich ihm irgendwie Pädophilie anhängen.“

Einige fangen leise an zu weinen, relativ in der Mitte des Tisches hört man Jemanden aufstehen.

Mann (sich überschlagende Stimme, leichtes Stottern): „Ich denke, wir wissen alle, dass es nur einen Weg gibt, die Partei zu retten … (er leckt sich über die Lippen, wird dann hörbar enthusiastischer; schlägt motiviert auf den Tisch) … Wir müssen mit ihnen die Rollen tauschen oder wenigstens authentisch auch so sein! … Schulz – das war Scheiße!… Los! Jeder von uns bastelt sich eine Armbinde! Wir haben uns auch ein Stück von dieser neuen deutsch-nationalen Hip-Ness verdient! Pressemitteilung!“

Von den anderen gibt es verwirrte Grunzer, teilweise auch Bestätigungsrufe. Man hört ihn aufstehen, losrennen und dann allem Anschein nach stolpern. Jemand anders beginnt, die Internationale zu singen. Der Großteil macht allerdings einfach Nichts.

Vor ein paar Wochen hatte die AfD recht überraschend den Weihnachtsmann (anscheinend auch einer dieser vom Leben enttäuschten und persönlich frustrierten, weißen Männer; außerdem natürlich eines der großen Opfer der Islamisierung des Abendlandes) als ihren Kandidaten für die Bundestagswahl vorgestellt.

Mit ihm war man im Prinzip unschlagbar. Medien und Bevölkerung folgten gerne dem kleinen Schubser, nochmal ihre Meinung zu überdenken, waren von dem neuen Gesicht der Partei also ganz angetan.

Man wollte einerseits die Hardcore-Rassisten abgreifen, aber trotzdem auch einen familienfreundlichen Faschismus repräsentieren – bisher klappte das ganz gut.

Straße:

Eine große, wabernde Masse mit mehreren roten Köpfen und vielen enthusiastisch-zornigen Augen – entweder eine Gruppe mittelalter Männer oder ein außerordentliches, schizophrenes Monster – stolpert langsam vor sich hin. Sie/Es wirkt leicht verloren.

„Mir ist vor allem wichtig, dass keine deutschen Frauen geschächtet werden.“ – „Dieser Weihnachtsmann – ich kenne ihn schon lange -, er hat mein ganzes Vertrauen. Und er ist doch auch vor allem so überaus männlich.“ – „Für mich ist es hauptsächlich eine ästhetische Entscheidung – diese eklig-fusseligen Bärte. So etwas muss doch nicht sein. Aber auch menschlich sollen die echt unangenehm sein, nach allem was man so hört“ – „Ich mach das eigentlich nur, damit ich von meinen Freunden akzeptiert werde.“ – „…zwar ein festes Einkommen und sogar Familie mit zwei gesunden Enkelkindern, das heißt ja aber noch lange nicht, dass ich auch etwas abgeben möchte.“ – „Ich bin kein Nazi.“ – „Heil Hitler.“

Im Chor bestätigen sie sich gegenseitig, dann fängt die Gruppe an, munter um sich zu pöbeln (logisch, vor allem gegen die, die so undeutsch aussehen) und fühlen sich pudelwohl in ihrer Haut.

Aus: Werbekampagne Weihnachtsmann 2017:

„Schutz christlicher Werte“ – W. schirmt eine Tanne vor einer schwarzhaarigen Familie (Kopftuch inklusive) ab; „Klimawandel – Hä?!“ – er baut mit einem blonden Eisbären einen Schneemann, im Hintergrund stehen Waschmaschinen und Heizpilze; „Schwul: Nicht cool!“ – W. schlägt mit einem Baseballschläger auf einen dünnen Jungen in Rollkragenpullover ein und „Zum Schutz!“ – er (Zigarre im Mundwinkel, ein Maschinengewehr in jeder Hand) schießt auf Feinde außerhalb des Plakates.

Später, Haus des Weihnachtsmannes:

Er hatte nochmal Hunger bekommen, stand aber mit dieser eigentümlichen guten Laune, die ihn neuerdings umgab (seitdem er sich durch die Flüchtlingskrise verwirklichen durfte) auf und ging in die Küche.

Auf dem Weg allerdings – mittlerweile schon im Flur – verhedderte sich der Weihnachtsmann in seinem Vollbart, brüllte und fiel der Länge nach gegen eine Heizung. Offenbar hatte er so etwas wie eine Platzwunde, Blut lief ihm durch das Gesicht und tropfte gleichmäßig auf seinen Bauch. Halb besinnungslos röchelte er vor sich hin – um sein Unbehagen weiter zu betonen übergab er sich außerdem einige Male. Als er dann wieder zu sich kam, stand vor ihm der Geist der zukünftigen Weihnacht und guckte angeekelt auf ihn herab.

Glücklicherweise für SPD, Grünen, etc. hatte der Geist der zukünftigen Weihnacht alles in allem links-grün-vesifften Ansichten und war außerdem auch noch gut über die aktuelle politische Lage Deutschlands informiert. Er kniete sich hin, drückte dem Weihnachtsmann zur Einschüchterung ganz leicht einen Augapfel ein und hielt danach einen längeren Monolog.

Natürlich ist es blöd, wenn man plötzlich feststellen muss, dass man nun auch schon fast 40 ist, das Gefühl hat, dass einem verdiente Anerkennung verwehrt wird und sowieso immer verzweifelter versuchen muss, dem eigenen Leben – bevor es zu spät ist -, doch noch so etwas wie ein Sinn zu geben (es wirkt hier ja fast so, als ob der Geist dabei gar nicht den Weihnachtsmann meint – der ja immerhin das Ganze mit dem Nordpol vorzuweisen hat – sondern eher in Richtung Alice Weidel und Konsorten schielt; ganz richtig Alice, wir wissen doch, dass du im Innersten nur ein trauriges, vom Leben enttäuschtes deutsches Mädel bist).

Dann holte er einige Male Luft. Abgesehen davon ist es aber trotzdem ziemlich unsympathisch, seine eigenen Komplexe durch eine Partei aufzuarbeiten, die sich über ihren Hass auf andere definiert, die Ideologie, mit den komischen Anleihen und dieser Wille, sich um jeden Preis in den faschistischen Mittelpunkt zu stellen.

Wie wäre es denn zum Beispiel mal mit Zusammenreißen und nicht gleich, wenn nicht alles nach dem eigenen Willen läuft, seine eigene nationalsozialistische Partei zu gründen, na? Vielleicht einfach mal im Kiez aktiv werden, den Garten oder die Rentiere neu machen, Kindern und Alten vorlesen, mal eine gute Serie anfangen, irgendsoetwas?

Um seinen Standpunkt klar zu machen, trat der GDZW Klaus noch ein paar Mal in die Hoden, anschließend formuliert er mehrere kryptische Drohungen und ging. Und so haben sich dann natürlich auch einfach alle Probleme gelöst.

Bildquelle: (c) DA

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